Snus & Training: Wie wirkt der Tabak in Beutelchen auf eure Leistung?


Gefährliches Doping oder harmloser Kick?

Spätestens seitdem Bundesligist Marco Reus im September 2015 ein Foto mit einer Dose Snus neben sich gepostet hat, ist der Kautabak wortwörtlich in aller Munde. Doch längst pushen sich nicht mehr nur Fußballprofis mit einem schnellen Nikotin-Kick, sondern auch Freizeit- und Kraftsportler. Ob euch Snus im Training wirklich einen Vorteil bietet oder ob ihr mit eurer Gesundheit spielt, erfahrt ihr hier!

Was ist Snus überhaupt?

Für die unter euch, die das Zeug bisher nicht kennen: Snus ist ein sogenannter „Oraltabak“, der ursprünglich aus Schweden stammt. Obwohl es hierzulande fast alle wie das englische „snooze“ aussprechen, heißt es eigentlich „Snüs“ – das ist Schwedisch und bedeutet Schnupftabak. Die Herstellung ist recht simpel erklärt: Tabak wird luftgetrocknet, gemahlen und mit Wasser versehen. Nach einer Wärmebehandlung werden Salze und diverse Aromen und Geschmacksverstärker zugesetzt. Zum Schluss wird das Ganze dann in kleine Beutelchen aus Zellulose gepackt und in vier verschiedenen Portionsgrößen auf den Markt gebracht. Snus gibt es – ähnlich wie Shishas – in nahezu jeder erdenklichen Geschmacksrichtung, von Vanille oder Wassermelone über Cola bis hin zu Pfefferminz – es gibt quasi nichts, was es nicht gibt. Die kleinen Tabakbeutel werden dann hinter die Ober- oder Unterlippe gesteckt und für etwa 15 bis 60 Minuten dort gelassen, bis sie ihre Wirkung verlieren.
Kurz: Snus ist – vereinfacht gesagt – Tabak, mit Wasser, Salz und Aromen.

Wirkung von Snus

Salz in Cola-Snus – klingt nicht so geil?! Gebe ich euch Recht – allerdings schmeckt man das kaum. Warum die Hersteller es trotzdem zusetzen?! Easy: Das Salz hält den pH-Wert im Mund aufrecht. Dadurch kann das im Tabak enthaltene Nikotin besser resorbiert werden. Ziemlich krass, denn bei der Anwendung von einem Snusbeutel wird deutlich mehr Nikotin aufgenommen als bei einer Zigarette – nämlich rund dreimal so viel! Neben dem Nikotin setzt der Tabak übrigens auch den jeweiligen Geschmack frei.
Da die einzelnen Snusbeutel direkt hinter der Ober- oder Unterlippe sitzen, nimmt der Körper das freigesetzte Nikotin direkt über die Mundschleimhaut auf, von wo es ins Blut übergeht und schließlich auch im Gehirn ankommt. Dort wirkt es auf das Belohnungszentrum, was für den Nutzer sehr schnell ein angenehmes Gefühl auslöst. Wissenschaftler und Konsumenten sprechen sogar von einem starken Hochgefühl binnen weniger Sekunden. Grund dafür ist der erhöhte Nikotinanteil.
Dieser sorgt zugleich dafür, dass der Körper mehr Adrenalin ausschüttet, Puls und Blutdruck steigen und das Stressempfinden sinkt – heißt: Nach Snus fühlt ihr euch hellwach, fokussiert und entspannt gleichzeitig.
Klingt zunächst wie ein Widerspruch, ist aber wahr. Mit der Zeit könnt ihr sogar selbst steuern, welche Wirkung das Snus auf euch haben soll: Größere Mengen Nikotin pushen ordentlich auf, geringere Dosen wirken entspannend.

Snus und Training: Was erhoffen sich Sportler?

Warum Snus im Training immer häufiger eingesetzt wird, sollte jetzt klar sein: Die Anwender erhoffen sich durch die hohe, schnell aufgenommene Dosis Nikotin eine Schärfung der kognitiven Wahrnehmung und der Reaktion, eine Anregung des Kreislaufs, eine Förderung der mentalen Leistungsfähigkeit und dadurch einen Extra-Energiekick. Im Bereich Team- bzw. Ballsportarten könnte das den entscheidenden Funken Reaktionsvermögen kurz vorm Tor bedeuten, beim Bankdrücken die nötige Fokussierung für die letzten Wiederholungen zum neuen Rekord. Im Leistungs- und Wettbewerbssport wird Snus auch gegen die Nervosität vor Spielen oder aber zum Runterkommen danach genommen – und zwar längst nicht mehr nur im Profisport. Snus steht derzeit nicht auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur, wird jedoch von ihnen überwacht. Für Athleten heißt das: Sie brauchen keine Sorge haben, aufgrund von Snus-Konsum disqualifiziert oder gesperrt zu werden.
Wenn ihr euch jetzt fragt, warum Snus vor dem Training oder Wettkampf eingesetzt wird und nicht einfach eine Standard-Kippe geraucht wird: Snus eilt der Ruf voraus, viel gesünder als Rauchen zu sein. Grund: Da Snus nicht geraucht wird, entstehen die ganzen Schadstoffe nicht, die bei der Verbrennung von Tabak anfallen. Studien gehen sogar so weit zu behaupten, rauchloser Tabakkonsum wie eben Snus wäre um rund 90% weniger gefährlich für Herz-Kreislauferkrankungen und Krebsarten als Rauchen!
Was auf jeden Fall ein Vorteil von Snus ist: Passivrauchen gehört mit den Tabakbeuteln der Vergangenheit an.
Und: Gerade Sportler hoffen, durch den Konsum von Snus im Training  konditionellen Einschränkungen zu entgehen, da die Lunge anders als bei Zigaretten nicht belastet wird.

Was bringt Snus im Training wirklich?

Klingt an sich mega genial: Mehr psychische und physische Power, gilt nicht als Dopingmittel und ist noch dazu nicht ungesund?!Ganz so ist es dann doch nicht, Leute. Denn von den gesundheitlichen Folgen von Snus – lest ihr unten – einmal abgesehen, gibt es keinerlei nachgewiesene positive Auswirkungen von Snus auf euer Training. Im Gegenteil: Nikotin wirkt sich sogar negativ auf eure sportliche Leistungsfähigkeit aus! Denn: Nikotin setzt das Stresshormon Noradrenalin in größeren Mengen frei. Das versetzt euren Körper in einen Alarmzustand: Die Herzfrequenz steigt für bis zu 45 Minuten um sage und schreibe zehn Schläge pro Minute, der Blutdruck sowie der Sauerstoffbedarf des Herzmuskels steigen. Gleichzeitig sinkt die Fähigkeit des Bluts, Sauerstoff zu transportieren und die körpereigenen Glycogenspeicher leeren sich viel schneller als sonst. Dadurch kann es schnell und abrupt zu einem Leistungsabfall kommen.
Last but not least: Nikotin erhöht die Aktivität des Myostatins. Das ist ein körpereigenes Protein, das nicht nur euer Muskelwachstum hemmt, sondern im Worst Case sogar zu Muskelabbau führen kann. Ihr merkt schon – Snus im Training bringt’s nicht wirklich, im Gegenteil.

Gesundheitliche Folgen von Snus

Auch wenn dem Beuteltabak ein vergleichsweise guter Ruf voraus eilt: Snus ist genauso ungesund wie Rauchen oder andere Drogen auch. Hier findet ihr die häufigsten Folgen auf eure Gesundheit:

  • erhöhtes Krebsrisiko: Angeblich soll Snus ein viel geringeres Risiko für Krebs haben als Zigaretten – das gilt aber nur für beispielsweise Lungenkrebs, da Snus nicht geraucht wird. Für Bauchspeicheldrüsenkrebs sowie Mund- und Speiseröhrenkrebs ist die Gefahr sogar viel höher. Durchschnittlich stecken in einer Portion Snus 28 krebserregende Stoffe.
  • Abhängigkeit: Snus macht schneller abhängig als Rauchen. Kein Wunder bei der drastisch erhöhten Nikotindosis.
  • Entzündungen der Mundschleimhaut an den Stellen, wo Snus hineingedrückt wird
  • Bauchschmerzen
  • Zahnfleischrückbildungen, brennendes Zahnfleisch
  • verfärbte Zähne und Zahnausfall
  • Stresssituation für den Körper: Nikotin setzt im Körper Stresshormone frei, die den Körper in eine Art „Überlebenskampf“ versetzen – das kann sich von Zittern über Übelkeit bis zu Schweißausbrüchen äußern
  • verlängerter Heilungsprozess bei Verletzungen
  • Vitaminräuber: Durch Mangelsituationen an Vitaminen treten dann wiederum andere Symptome wie Müdigkeit oder Kopfschmerzen ein – ein Teufelskreis.

Gerade wenn ihr zum ersten Mal Snus einwerft, kommt es meist zu Schwindel und Übelkeit durch den hohen Nikotingehalt – ganz besonders bei Nicht-Rauchern, die Tabak überhaupt nicht gewöhnt sind.

Welche Sportarten sind besonders gefährdet?

Studien zufolge wird Snus in über 40 verschiedenen Sportarten konsumiert, in den einen mehr, in den anderen weniger. Ganz besonders häufig greifen aber Anhänger von Sportarten zu, die Berührungspunkte zu skandinavischen Ländern haben. Populäres Beispiel: Eishockey. Angeblich soll hier ein Drittel der Spieler in der höchsten Liga Snus konsumieren. Und klar, Profis fungieren als Vorbilder, sodass auch in den unteren Ligen immer mehr Eishockeyspieler Snus vorm Training oder Spiel einwerfen.
Da Snus im Herkunftsland Schweden eine jahrelange Tradition ist und der Konsum dort völlig normal ist, war der Tabak hier bei uns lange Zeit kein Thema. Erst seit auch immer mehr Fußballer auf den Zug aufspringen – Benzema, Reus, Coutinho oder Firmino, um nur einige Namen zu nennen – wird Snus und seine Auswirkungen auf den Sport bzw. die Gesundheit auch bei uns zum Thema.

Off to Greece ... ✈️⚽️ #Januzajgoalinho#bvb

A post shared by Marco Reus (@marcinho11) on

Auch im Kraftsport greifen viele Athleten zu Snus vorm Training, um völlig fokussiert aufs Workout auch die letzten Reps zu packen. Nicht ungefährlich.
Trotzdem kann man nicht sagen, es gibt DIE eine Sportart, die sich mit Snus vollballert, tendenziell sind alle Sportler betroffen. Denn sind wir ehrlich, Leute: Wer wünscht sich nicht so ein Zaubermittel, das einen auf einen Schlag leistungsfähiger und konzentrierter macht?!

Snus vs. Chewing Bags: Was ist legal, was ist illegal?

Spätestens das sollte euch davon abhalten, Snus vorm Training oder Spiel zu nehmen: Der Verkauf von Snus ist in Deutschland und der gesamten EU – mit Ausnahme von Schweden – bisher illegal. Aber: Der Konsum nicht. Das bedeutet, Nutzer können den Beuteltabak problemlos importieren, beispielsweise aus Schweden, Afrika oder Asien. Letzteres gilt aber als besonders gefährlich: In importierten asiatischen Produkten konnten im Gegensatz zu schwedischen mehrere tausendmal so viele Schadstoffe nachgewiesen werden. Kein Wunder, dass das Zeug direkt deutlich günstiger ist.
Vielleicht habt ihr aber an der ein oder anderen Tankstelle schon mal ein Döschen Snus entdeckt. Das ist kein kleiner öffentlicher Schwarzmarkt, sondern es handelt sich um sogenannte Chewing Bags und nicht um echtes Snus. Der Unterschied zwischen diesen „Chews“ und Snus liegt in der Tabakstruktur: Chews haben etwas gröber gemahlenen Tabak. Außerdem wird Snus durch das Mahlen von Tabak, Chewing Bags durch das Zerschneiden verarbeitet. Und: Chewing Bags sind in stabilere Beutel gepackt, damit sich diese nicht aus Versehen während der Nutzung öffnen und der Tabak im Mund und Rachen des Nutzers landet.
Auch viele (Online-)Shops für Sportnahrung bieten mittlerweile Snus bzw. Chewing Bags an – angeblich, um dem Käufer einen Extra-Kick zu geben.
Wie gesagt, Bullshit, für Snus sind keinerlei Wirkungen auf höhere sportliche Leistungsfähigkeit bekannt.

Fazit Snus und Training: Das bringt’s wirklich

Snus ist eine vor allem im Fußball, Eishockey und Kraftsport immer häufiger verwendete Modedroge, die aus in Beutel gefülltem, getrockneten Tabak besteht. Konsumenten erhoffen sich von der dreifach so hohen Nikotindosis wie in einer Zigarette einen Extra-Push in Sachen Reaktionsfähigkeit, Konzentration und sportlicher Leistungsfähigkeit. Da Snus anders als klassisches Rauchen nicht die Lunge belastet, glauben viele, der Beuteltabak sei gesünder – ein großer Irrtum, denn Snus ist alles andere als gesund.
Außerdem kann die angebliche Wirkung des Zeugs nicht nachgewiesen werden – es mag zwar sein, dass sich die Konsumenten kurzzeitig wacher und konzentrierter fühlen, aber auf ihre unmittelbare Leistung wirkt sich das nicht aus. Es liegt vielmehr daran, dass die hohe Nikotindosis schnell im Hirn am Belohnungszentrum andockt und euch ein starkes Glücksgefühl beschert. Zusammen mit den ausgeschütteten Stresshormonen im Körper glaubt ihr kurzzeitig, Bäume ausreißen zu können. Ist nur leider nicht so.
Letztlich müsst ihr für euch selbst entscheiden, was ihr nehmt oder eben nicht – ich kann euch Snus vorm Training jedenfalls nicht empfehlen. Wenn ihr einen Kick braucht, könnt ihr euch Booster selber machen – ist deutlich gesünder!

Wie steht ihr zu dem Thema: Würdet ihr oder habt ihr schon mal Snus vorm Training oder Spiel genommen? Ich bin sehr gespannt!

Euer Prinz